Der Pseudo-Weiblichkeits-Wahnsinn

Meine erste Zahnspange bekam ich erst Ende vierzig … Zugegeben, es war eine ästhetische Entscheidung von mir. Mein Zahnarzt unterbreitete mir zwar sämtliche gesundheitliche Aspekte einer Kieferkorrektur, aber die Entscheidung traf ich letztendlich aus einem anderen Grund.

Doch wie sehr hat Ästhetik mit dem weitverbreiteten Schlankheitswahn und dem exzessiv betriebenen Körperkult noch zu tun? Gibt es da irgendwo unsichtbare Grenzen, die in den letzten Jahren in unserer westlichen Welt unbemerkt überschritten wurden?

Tatsache ist, dass …

  • … es noch nie so viele Fotos von superdünnen, superperfekten und superfaltenfreien Mädchen und Frauen im Netz gab wie jetzt, nicht zuletzt dank Photoshop und Fotofiltern wohlgemerkt.
  • … es noch nie so einfach und erschwinglich war, den weiblichen Körper nach dem Allgemeingeschmack zu „gestalten“, also zu waxen, zu zupfen, zu cremen, zu botoxen, zu trainieren oder auszuhungern. Es gibt ja in der Zwischenzeit nicht nur Botox-Partys und Botox-Flatrates, sondern auch Botox-Angebote zu Studententarifen.
  • … die Hemmschwelle für eine Schönheits-OP noch nie so niedrig war wie heute. Brustoperationen, „Schönheitsoperationen“ im Genitalbereich oder gar eine Brustkorboperation, bei der eine Rippe weggeschnitten wird, um die Taille schmaler zu machen, sind längst fester Bestandteil des gängigen Schönheitskults.

Das Interessante daran ist, dass es den meisten Frauen dabei gar nicht darum geht, unbedingt schöner oder schlanker zu sein, sondern mit ihrem gestylten Körper einer bestimmten Gesellschaftsgruppe zugehören zu wollen. Außerdem leiden viele von ihnen unter Kontrollzwängen, die sich auch auf ihren Körper auswirken:

„Frauen wollen mit ihrem Körper eine Haltung ausdrücken, nämlich Kontrolle über ihren Körper zu haben, diszipliniert zu sein, Leistungsbereitschaft zu zeigen. So lange unser Schönheitsideal mit Erfolg und sozialem Status verbunden ist, wird sich das nicht ändern.“[1]

Während die eine Gruppe von Frauen so lange und intensiv trainiert, bis man auf ihrem Bauch eine vertikale Furche sieht, die sogenannte „Ab Crack“, kommt jetzt aber schön langsam eine Gegenströmung in Bewegung. Bloggerinnen rufen dazu auf, den Körper so zu lieben, wie er ist. Sie stehen zu ihrer Cellulite oder zu ihrem Bauch, den ihre Schwangerschaften hinterlassen haben, und zu ein paar Kilos mehr auf Hüften oder Oberschenkeln. Der erst vor kurzem gezeigte Dokumentarfilm „Embrace“ (Dt.: Umarmung) ermutigt Frauen, aus dem Pseudoweiblichkeitswahn auszusteigen.

Mit Weiblichkeit im eigentlichen Sinn hat dieser Wahn ohnehin nichts mehr zu tun, doch solange Frauen nicht verstehen, was Weiblichkeit wirklich bedeutet, wird sich so schnell nichts am weiblichen Körperkult spürbar ändern.

Ein erster Hoffnungsschimmer zeigt sich jedoch am Horizont: Es sind die „Millennials“, also jene Generation, die zwischen 1980 und 2000 geboren wurde. Immer mehr dieser jungen Frauen (und Männer) vertreten einen bewussten und gesunden Lebensstil und sagen NEIN zum Pseudoweiblichkeitswahn. Über sie werde ich in einem meiner nächsten Blogbeiträge berichten.

[1] Eva Barlösius, Soziologin (BRIGITTE 19/2017, S. 110).

Frauenkoerper

Schönheitswahn? Nein danke! Die jungen Frauen haben andere Werte

Immer mehr junge Frauen steigen aus dem Wettbewerb, der die Optimierung des weiblichen Körpers zum Inhalt hat, aus. Zu dieser für (sie sehr schmerzhaften Erkenntnis) kam die Kosmetikindustrie in den letzten Jahren. Studien[1] zeigen, dass die so genannten Millennials, also jene zwischen 1980 und 2000 Geborenen, für diese Entwicklung verantwortlich sind.

Zwar versucht die Kosmetikindustrie nach wie vor sehr hartnäckig, die Zielgruppe „junge Frauen“ als Kunden zu gewinnen, doch viele von ihnen haben einfach keine Lust, sich eine „Early-Anti-Aging“-Creme schon mit 25 Jahren ins Gesicht zu schmieren. Sie engagieren sich lieber für andere Werte, z. B. für Umweltschutz, für genfreie Nahrungsmittel oder für artgerechte Tierhaltung – oder sind ohnehin schon seit Kindheit Vegetarier oder Veganer.

Sie ticken überhaupt ein wenig anders, die Millennials, die auch „Generation Y“ genannt werden. Denn sie legen großen Wert auf nachwachsende Rohstoffe, auf natürliche Duftstoffe oder auf Kosmetikprodukte, die so frei von Zusatzstoffe sind, dass man sie fast essen könnte. Denn Natürlichkeit zählt für die jungen Frauen mehr als die Optimierung ihrer Schönheit.

20- bis 40-jährige Frauen interessieren sich stärker für die Zusammenhänge zwischen Gesundheit und Wohlbefinden als ihre Mütter und Großmütter, sie achten auf bewusste Ernährung und regelmäßigen Sport. Und nicht wenige von ihnen haben ihre Liebe zur Natürlichkeit entdeckt, mit der sie sich vom Schönheitsoptimierungswahn ihrer Mütter und Großmütter deutlich unterscheiden.

Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass sie deshalb mit Achselhaaren und Schweißflecken herumlaufen, sondern sie kaufen ihre Kosmetikprodukte unter einem ganzheitlichen Aspekt und sind deshalb die bewussteren Kundinnen.

Auch die immer stärker zu beobachtende Entwicklung in Richtung Selbstoptimierung zeigt auf, dass die jungen Frauen Selbstverantwortung für sich und ihr Wohlbefinden übernehmen – und die ist mit Schlankheitswahn oder Schönheitsoperationen nicht kompatibel. Lieber verzichten sie auf eine Modelfigur also auf ihr körperliches Wohlbefinden.

Die Kosmetikindustrie darf sich also warm anziehen, denn die Millennials beeinflussen den Markt von morgen: mit ihrer Liebe zur Natur, zum Körper, zu gesunder Ernährung oder mit der Balance von Körper, Geist und Seele. Und mit ihrer Offenheit für Spiritualität. Ich freue mich sehr über diese Entwicklung!

[1] vgl. dazu Healthstyle, trendcoach. de und BRIGITTE 19/2017

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