DIE WOLFSFRAU: Warum das Auf und Ab in der Liebe ein Teil unseres Lebens ist

Viele Frauen hängen der romantischen Vorstellung nach, dass ihre Beziehungen – und insbesondere ihre Liebesbeziehungen – auf immer und ewig glücklich und harmonisch sein müssen. Dabei vergessen oder verdrängen sie, dass das Auf und Ab des Lebens ein essenzieller Teil ihres Beziehungslebens ist. Sie empfinden es vielleicht sogar als Strafe oder als ungerechtes Schicksal, wenn es nach einem Hoch in der Liebe wieder eine Weile geradeaus oder gar abwärts zu gehen scheint. Dabei unterstützt sie ihre angeborene weibliche „Instinktnatur“, die ihnen hilft, alle positiven wie negativen Erfahrungen in sich zu integrieren und auch schwierige Situationen auszuhalten. Theoretisch jedenfalls.

Die partnerschaftliche Liebe im Wandel unseres Lebens

Denken wir einmal an die verschiedenen Wachstumsphasen in der Natur. Ein Same fällt auf fruchtbaren Boden, keimt, wächst, bildet Stängel, Blätter bzw. Blüten und zieht sich im Herbst und im Winter wieder zurück, um im nächsten Frühling erneut aus der Erde hervorzukommen und sich im bevorstehenden Vegetationszyklus kraftvoll zu entfalten.

Ähnlich der Natur gibt es auch in der Liebe Phasen des Entstehens, des Wachsens, des Vergehens und des Neuwerdens. Dabei fällt es uns oft schwer, das Abklingen einer Liebe auszuhalten, weil wir oft nicht wissen, ob das Ende einer Partnerschaft gekommen ist oder ob es weitergehen wird. Oder ob es überhaupt noch Sinn macht, an der Beziehung festzuhalten. Oder ob wir an den Fortbestand unserer Partnerschaft glauben dürfen und deshalb an ihr arbeiten sollen. Was aber, wenn die Beziehung wirklich tot ist, oder wir so sehr verletzt wurden, dass wir einfach nicht mehr weitermachen wollen?

Clarissa Pinkola-Estés hat in ihrem Weltbestseller „Die Wolfsfrau“ zu dieser Thematik eine Erzählung aufgeschrieben, die zu meinen Lieblingsgeschichten zählt. Sie mag auf den ersten Blick vielleicht ein wenig gruselig anmuten, denn sie erzählt von einer bedingungslosen Liebe zwischen einem jungen Fischer und einer Skelettfrau, die er durch seine Liebe wieder zum Leben erweckt. Hier ist eine Kurzfassung der Geschichte:

Die Erzählung

Ein Vater stößt seine Tochter wegen eines Vergehens von einer Klippe ins Eismeer. Sie ertrinkt und die Fische nagen sie völlig ab, bis nur mehr ihr Skelett übrig bleibt. Eines Tages zieht ein junger Fischer ins Land und geht nichtsahnend in die Bucht zum Fischen. Aber es ist kein riesiger Fisch, sondern das Skelett des Mädchens, das er aus dem Wasser zieht. Er rennt davon, aber das Skelett bleibt an der Angelleine hängen und will sich nicht abschütteln lassen. In seinem Iglu angekommen fällt er vor Erschöpfung in einen tiefen Schlaf. Als er aufwacht, entdeckt er den Skeletthaufen neben sich liegen. Nach einigem Zögern ordnet er die halbe Nacht lang das Gerippe der Frau, wickelt sich danach in ein warmes Fell und schläft wieder ein. Während er da liegt und träumt, läuft eine helle Träne über seine Wange. Das sieht die Skelettfrau und kriecht heimlich an seine Seite, bringt ihren Mund an seine Wange und trinkt die Träne. Dann beginnt die Skelettfrau über dem Herzen des Mannes auf seiner Brust mit ihren kalten Knochenhänden zu trommeln und zu singen. Da setzen sich Fleisch und Haut an ihren Knochen an, Haare, Augen, Nase, Ohren, breite Hüften, große Brüste, starke Hände und viele Fettpolster. Sie singt ihm die Kleidung von seinem Leib und kriecht unter seine Decke. Von diesem Tag an bleiben sie zusammen und leiden nie mehr Mangel, da sie von den Freunden der Frau, den Geschöpfen des Wassers, bis an ihr Lebensende mit Nahrung versorgt werden.

Die tiefere Bedeutung

Die Kernaussage dieses Märchens ist das Auf und Ab in der Liebe, denn sie benötigt viel Weisheit sowie die Akzeptanz der Leben-Tod-Leben-Natur einer Beziehung. Das bedeutet nicht, dass jemand sterben muss, sondern dass Beziehungen immer wieder unterschiedlichen Zyklen unterliegen. Wir sollten uns bewusst machen, dass dauerhafte Bindungen oft viele kleine unvermeidliche „Tode“ und überraschende „Wiedergeburten“ beinhalten können.

Das Entwirren der Knochen ist die Arbeit, um die es in einer Beziehung geht. Erst wenn die Partner erkennen, dass Leidenschaft nicht etwas ist, das man sich „holt“, sondern etwas, das in Zyklen kommt, verstehen sie, dass sich Beziehungsarbeit lohnt. Und dass die Skelettfrau mit dem Fischer schläft, steht symbolisch dafür, dass im Leben zweier Menschen – auch nach schwierigen Situationen – immer wieder Liebe und Hingabe entstehen oder weiherhin bestehen können.

Womit gehst du in Resonanz?

Lies meine Fragen durch und beobachte, welche Gefühle in dir hochkommen? Vielleicht magst du dazu auch deine Gedanken aufschreiben:

_ An welchem Punkt in deiner Beziehung stehst du gerade?

_ Wie realitätsnah ist deine Erwartung an eine Beziehung?

_ Träumst du noch vom Märchenprinzen oder hast du erkannt, dass er bereits da ist, obwohl er auf den ersten Blick nicht als solcher zu erkennen war?

_ Wie siehst du deine Rolle als Märchenprinzessin an der Seite deines Partners? Erfüllst du sie?

_ Hast du schon einmal eine Beziehung beendet, weil du dachtest, nach dem „Tod“ der Beziehung gäbe es keine Neugeburt mehr?

_ Bist du schon einmal zu früh aus einer Beziehung ausgestiegen und hast es anschließend bereut?

_ Bist du in einer Beziehung, die tot ist, in der sich aber keine Neugeburt mehr abzeichnet?

_ Bist du bereit, für deine Beziehung die Knochen aufzusammeln, zu sortieren und wiederzubeleben?

Überwindung des toten Punktes

Die Voraussetzung für eine dauerhafte Liebe ist die Akzeptanz einer unsichtbaren Dritten. Die „Skelettfrau“ oder „Frau Tod“ ist im Märchen die symbolhafte Verkörperung unserer Leben-Tod-Leben-Natur. Sie begleitet uns durch das ganze Leben in unterschiedlichen Bereichen, nicht nur in unserer Beziehung. Denn wenn wir an einem toten Punkt angekommen sind oder das Vertrauen in die Beziehung verloren ging, dann brauchen wir die „Skelettfrau“. Sie muss eingeladen, willkommen geheißen und umarmt werden, damit die Liebe wieder zurückkehren und von Dauer sein kann. Dann geht es darum, die „Knochen unserer Beziehung“ mit viel Weisheit vor uns auszubreiten, zu sortieren und schließlich mit neuer Haut, Fleisch, Muskeln, Haaren und Augen zu versehen. Nicht immer schaffen wir das alleine, doch dafür gibt es Menschen, die uns begleiten und unterstützen können.

 

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DIE WOLFSFRAU: Mit Blindheit geschlagen

Viele Frauen sind sehr sensitiv und spüren ganz genau, was für sie im Umgang mit Männern gut  ist und was nicht. Und dennoch kann es dazu kommen, dass sie gegen ihr eigenes Gefühl handeln oder sich dazu verleiten lassen, ein Risiko bewusst einzugehen. Vielleicht aus Neugierde, aus Unvorsichtigkeit, aus Abenteuerlust, aus Protest oder weil sie ganz einfach gelernt haben, immer nett zu sein und sich den Wünschen der anderen unterzuordnen. Nicht immer geht die Geschichte gut aus, wie im Märchen vom Grafen Blaubart zu erfahren ist.

Es wird schon nicht so schlimm sein…

Die Psychoanalytikerin Clarissa Pinkola Estés sammelte jahrzehntelang Geschichten, Mythen und Märchen über die Urnatur der Frauen und veröffentlichte sie in ihrem Weltbestseller Die Wolfsfrau – Die Kraft der weiblichen Urinstinkte.

Die zweite Erzählung in ihrem Buch handelt von Graf Blaubart, dem es gelingt, eine junge Frau zu verführen, die in ihrer Kindheit nicht gelernt hat, hinter die Fassade von anderen Menschen zu blicken um ihren wahren Charakter zu erkennen.

Die Erzählung

Graf Blaubart, ein gescheiterter Zauberer und Anhänger der schwarzen Magie, ist ein Schürzenjäger. Er versucht, drei Schwestern mitsamt ihrer Mutter aufgrund seiner Erzählungen und seines Reichtums zu beeindrucken. Ja, es gelingt ihm sogar, die jüngste der drei Töchter zu heiraten. Als er eines Tages verreist, überreicht er seiner Frau einen Schlüsselbund und verbietet ihr aber, den kleinsten Schlüssel zu benützen. Sie lädt jedoch ihre Schwestern ein und die Frauen öffnen alle Türen im Schloss, hinter denen sich große Schätze verbergen.

Als sie mit dem letzten, kleinsten Schlüssel die verbotene Türe aufschließen, entdecken sie lauter Frauenleichen. Blaubart bemerkt nach seiner Rückkehr ihren Ungehorsam und wird so wütend, dass er seine Gemahlin töten möchte. Da rufen die Schwestern ihre Brüder herbei, die in letzter Sekunde in das Schloss kommen und Blaubart in einem Kampf vernichten.

 Die tiefere Bedeutung

Blaubarts Frau steht symbolhaft für alle Frauen auf der Welt, die eigentlich bereits in ihrer Kindheit hätten lernen sollen, dass …

… es „Raubtiere“ gibt, denen man zum Opfer fallen kann

… es Menschen gibt, deren Schliche man nicht so leicht durchschauen kann

… es charakterschwache Menschen gibt, die sich einfach nicht verändern können/wollen

… sie einen gewissen Bewusstseinsgrad erreichen müssen, um sich von anderen nicht blenden zu lassen, auch nicht durch Reichtum oder Macht.

Womit gehst du in Resonanz?

  • Von welcher Art Mann fühlst du dich am stärksten angezogen? Warum?
  • Was hat dir deine Mutter in Bezug auf die Wahl deines Partners vorgelebt?
  • Wurdest du zum Nettsein erzogen? Oder hat dich deine Mutter dazu angehalten, auch NEIN zu sagen und zu den damit verbundenen Konsequenzen zu stehen?
  • Wurdest du auf ein „Leben in freier Wildbahn“ vorbereitet oder bist du (über)behütet aufgewachsen?
  • Liebst du das Abenteuer und das Risiko oder bist du eher vorsichtig?
  • Reizt dich das Verbotene?

Ehrliches Hinter-die-Fassaden-blicken

Pinkola-Estés: „Nicht wenige Frauen haben die Blaubart-Geschichte buchstäblich am eigenen Leib erfahren. Sie heiraten, ohne jemals in die Tücken des Räubers eingeweiht worden zu sein, und suchen sich einen Partner, der sie zuerst manipuliert, dann beherrscht und schließlich körperlich und seelisch attackiert.

Selbstverständlich betrachten sie es dann als ihre heilige Pflicht, diesen armen, kranken Mann durch ihre Liebe von seinen Neurosen und Wahnideen zu heilen, und verbringen zwischenzeitlich viel Zeit damit, sich geflissentlich einzureden, dass sein unheimlicher blauer Bart bei günstigen Lichtverhältnissen beinahe elegant wirkt.“[1]

Es bedarf eines gewissen Levels an Bewusstsein, den wir erreichen müssen, um „nein“ zu sagen, und das fordert sehr häufig von uns, unsere Komfortzone zu verlassen. Auch wenn die Versprechungen eines Menschen sehr verlockend sind oder die Vorteile einer Beziehung unwiderstehlich zu sein scheinen: Der Preis dafür könnte allzu hoch sein und unser ganzes Leben zu unserem Nachteil verändern!

[1] Pinkola-Estés, C. : „Die Wolfsfrau“, München 1993, S. 55

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DIE WOLFSFRAU: So wichtig ist deine weibliche Intuition

Du kennst sie sicherlich, diese tonlose, innere Stimme in dir… Deine weibliche Intuition, die sich immer wieder Gehör verschaffen möchte. Sie begleitet jede Frau und kann ihr mit fast unheimlicher Präzision sagen, was Wahrheit und was Täuschung ist. Die weibliche Intuition ist wie ein Kompass, der uns Frauen genau anzeigt, welche Richtung wir einschlagen sollen oder wem wir vertrauen können und wem nicht. Aber:

_ Hören wir überhaupt diese innere Stimme?

_ Und falls wir sie wahrnehmen: Hören wir auch wirklich auf sie?

_ Verdrängen wir unsere innere Stimme, weil das, was sie uns sagt, unbequem, mit einer unangenehmen Konsequenz oder mit einem Verzicht verbunden ist?

Die Wilde Frau und ihre Intuition

Unsere Intuition, unsere innere Stimme, ist wie eine geheime Botschafterin, die uns einen direkten Zugang zur Psyche unserer inneren „Wilden Frau“ ermöglicht. Sie spricht in Form von Eingebungen zu uns.

Die facettenreiche Psyche der „Wilden Frau“ wird von der Psychoanalytikerin Clarissa Pinkola Estés in ihrem Weltbestseller Die Wolfsfrau – Die Kraft der weiblichen Urinstinkte genau beschrieben. Sie sammelte dafür jahrzehntelang Geschichten, Mythen und Märchen aus aller Welt, um uns mit Hilfe dieser symbolhaften Erzählungen einen tiefen Zugang zur weiblichen Seele zu ermöglichen.

Die dritte Erzählung dieses Buches handelt von „Vasalisa, der Weisen“. Einer Geschichte über die Einweihung der Frau in das untergründige Reich ihrer eigenen Intuition.

Die Erzählung

Als Vasalisas Mutter ist im Sterben liegt, schenkt sie ihr eine Puppe, die genauso aussieht wie ihre Tochter. Sie soll die Puppe füttern und immer bei sich behalten. Als der Vater wieder heiratet, bekommt Vasalisa eine Stiefmutter und zwei Stiefschwestern, die sie quälen. Eines Tage schicken sie Vasalisa von zu Hause fort und in den Wald.Dort findet das Mädchen mit Hilfe ihrer Puppe die Hexe Baba Yaga, bei der sie wohnen darf. Vasalisa bekommt von ihr viele Aufgaben gestellt, die sie erfüllen muss, wobei sie immer Unterstützung von ihrer Puppe bekommt.

Doch eines Tages wird Vasalisa auch von der Hexe wieder weggeschickt und als Abschiedsgeschenk bekommt sie einen glühenden Totenkopf mit auf den Weg. Als sie zu wieder bei ihrer Stiefmutter und den Stiefschwestern ankommt, hegen diese bereits neue Vernichtungspläne gegen sie. Der glühende Totenkopf wird aber zum Verbündeten von Vasalisa und greift in die Situation ein. Denn als das Mädchen am nächsten Morgen aufwacht, ist von der Stiefmutter und von den Stiefschwestern nur noch ein Häufchen Asche übrig.

Die tiefere Bedeutung

Die Kernaussage dieses Märchens ist die Kraft der weiblichen Intuition, die in der Erzählung als segensreiches Vermächtnis von der Mutter auf die Tochter, also von einer Generation auf die nächste übertragen wird. Diese kann natürlich aufgrund fehlender Einsicht verdrängt oder verschüttet werden, jedoch niemals verlorengehen.

Das Märchen beschreibt auch einen Einweihungsprozess, bei der die Kandidatin bestimmte Prüfungen bestehen muss. Wenn alle Aufgaben erfüllt sind, entwickelt sie eine neue Beziehung zur eigenen Intuition und aktiviert dabei viele unentwickelte Aspekte ihrer eigenen Seele.

Womit gehst du in Resonanz?

Lies meine Fragen durch und beobachte, welche Gefühle in dir hochkommen? Vielleicht magst du dazu auch deine Gedanken aufschreiben:

_ Sagst du einfach JA, wenn dir jemand etwas Unerwartetes anbietet und du nicht NEIN sagen kannst/willst, obwohl deine innere Stimme dich davor warnt?

_ Hörst du bei der Partnerwahl auf deine Intuition oder lässt du dich von Äußerlichkeiten blenden?

_ Stellst du dir von Zeit die Zeit die Frage, was du eigentlich wirklich willst?

_ Weißt du genau, was dir gut tut und was nicht? Und wer dir gut tut und wer nicht?

_ Gibst du deinem Ego Macht über deine Gefühle?

_ Lebte dir deine Mutter in deiner Kindheit vor, Entscheidungen aus dem Bauch heraus zu treffen?

_ Gibt es in deiner Familie intuitiv-weise Frauen?

_ Hast du Kontakt zu deiner inneren Wilden Frau?

Ein gutes Unterscheidungsvermögen zu entwickeln ist eine der schwierigsten Aufgaben überhaupt, denn es erfordert Mut, Willenskraft und seelische Substanz, und es bedeutet, immer wieder zu verzichten und abzuwarten, bis sich das bietet, was man wirklich will. Nirgends tritt dieser Lernprozess deutlicher zutage als bei der Wahl eines Geliebten oder Partners.

– Clarissa Pinkola-Estés

 

 

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DIE WOLFSFRAU: Was auf dem Weg vom Mädchen zur Frau verloren ging

Erinnerst du dich noch an das wissbegierige und vielleicht sogar kecke kleine Mädchen, das du vor Jahren einmal warst? An deine Unbekümmertheit, Natürlichkeit und Unverblümtheit? An deinen Mut, deine Kühnheit und deinen Entdeckungsdrang? An deine unkomplizierte Art, dein Lachen, deine Neugierde, dein Staunen und deine Wissbegierde?

Hast vielleicht auch du auf dem Weg vom Mädchen zur Frau deine ur-weiblichen Eigenschaften verdrängt oder sind sie im Laufe deines Lebens verloren gegangen? Vielleicht weil du damit schlechte Erfahrungen gemacht hast? Vielleicht weil du dich anderen zu sehr untergeordnet oder angepasst hast? Oder weil du vielleicht den Kontakt zu deiner „inneren Frau“ verloren hast?

Die Wilde Frau in uns

Die Psychoanalytikerin Clarissa Pinkola Estés sammelte jahrzehntelang Geschichten, Mythen und Märchen über die Urnatur der Frauen und veröffentlichte sie in ihrem Weltbestseller Die Wolfsfrau – Die Kraft der weiblichen UrinstinkteDie erste Erzählung handelt von „La Loba“, der Wolfsfrau, der Wilden Frau in uns, von der aufgrund unserer Lebenserfahrungen irgendwann einmal nicht mehr viel übrig blieb, die aber jederzeit zu neuem Leben erweckt werden kann.

Die Erzählung

La Loba (span: die Wolfsfrau) ist eine alte, fette und am ganzen Körper behaarte Frau, die in einer Höhle in der Wüste wohnt. Sie sucht ständig nach Knochen, Schlangenhäuten und Aas, um Wolfsskelette zusammenzustellen. Danach hält sie ihre faltigen Hände darüber und singt dazu. Im gleichen Augenblick setzt das Gerippe wieder Fleisch und Haut an, wird zu einer Wölfin und springt durch den Canyon davon. Nun verwandelt sich das Tier in eine Frau, die laut auflacht, sich schüttelt und am Horizont verschwindet.

Die tiefere Bedeutung

Das Sammeln der Gebeine und das „Singen über den Knochen“ bedeutet im übertragenen Sinn, den emotional abgestorbenen, verwundeten oder verletzten weiblichen Teilen der Seele sowie den weiblichen, emotionalen „Überresten“ neues Leben einzuhauchen. Deshalb ist jede Frau dazu aufgefordert, seelische Tiefenarbeit an sich selbst zu leisten, wodurch sie in ihre eigene Kraft gehen und ihre seelischen Wunden heilen kann.

Womit gehst du in Resonanz?

Lies meine Fragen durch und beobachte, welche Gefühle in dir hochkommen? Vielleicht magst du dazu auch deine Gedanken aufschreiben:

  • Wie sehr hast du als kleines Mädchen deine weibliche Urnatur in dir gespürt und wie intensiv fühlst du sie noch heute?
  • Wie viel von deiner „Wilden Inneren Frau“ ist im Laufe deines Lebens aufgrund von Verletzungen, Enttäuschungen oder anderen schwierigen Lebenssituationen verschüttet worden oder verloren gegangen?
  • Von welchen Emotionen, die dich ganz besonders als Frau ausmachen, hast du dich abgeschnitten, um sie nicht mehr zu spüren?
  • Fühlst du deine spirituelle weibliche Macht und Stärke oder hast du sie an andere abgegeben?

Mit der Kraft und DER Weisheit unserer weiblichen Urnatur

Wir Frauen tragen eine starke weibliche Urkraft in uns, die uns immer wieder aufrichten wird, was immer uns auch widerfährt. Diese Innere Wilde Frau hilft uns, zu unseren weiblichen Urinstinkten zurückzufinden. Dafür ist es von Zeit zu Zeit notwendig, unseren Seelenhaushalt ehrlich zu inspizieren und zu überprüfen, wie sehr wir unsere weibliche Urnatur verleugnen oder bereits verschüttet haben.

Wir Frauen tragen ein großes Potenzial in uns, das uns immer wieder ermöglichen wird, einen neuen Zugang zu unserer weiblichen Urnatur zu bekommen. Wenn wir unseren weiblichen Urinstinkten folgen und ihnen in unserem Leben ausreichend Platz einräumen, dann werden wir als lachende Wolfsfrau immer wieder neu aufstehen und neue Horizonte werden sich vor uns auftun. Egal, was uns im Leben bisher alles widerfahren ist!

 

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DIE WOLFSFRAU: Warum wir Frauen manchmal unsere Seele verlieren

Selbst wenn wir Frauen über einen längeren Zeitraum gegen unsere eigentliche Natur verstoßen, wird die „Wilde Frau“ in uns dabei nicht vernichtet – es erschöpft uns einfach nur sehr. So oder so ähnlich formuliert Clarissa Pinkola Estés die Verleugnung unserer weiblichen Seele und deren Grundbedürfnisse in ihrem Weltbestseller „Die Wolfsfrau“.

„Wir wissen, dass wir keine Luft kriegen, wenn wir uns zu lange von anderen besetzen lassen. Wir wissen, dass es Zeiten gibt, in denen wir uns von allen Leuten und Dingen für ein Weilchen abkehren müssen.“ Doch „wenn der Aufruf zur Heimkehr erschallt, dann setzen die Teile in der Psyche, die heimlich oder weniger heimlich mit den Vorbereitungen beschäftigt waren, zum Sprung an und rufen: ‚Los jetzt! Auf geht’s!‘“[1]

Wer von uns Frauen war noch nie in einer Situation, die sich wie eine emotionale Sackgasse angefühlt hat? Wer hatte noch nie das Gefühl, seine Seele verloren oder freiwillig aufgegeben zu haben?

Clarissa Pinkola Estés hat zu diesem Thema eine alte Erzählung mit dem Titel „Seehundefell, Seelenhaut“ aufgeschrieben, die zu meinen Lieblingsgeschichten zählt. Hier ist eine Kurzfassung davon:

DIE ERZÄHLUNG

Ein einsamer Mann, der in den weißen Schneelandschaften des hohen Nordens lebt, beobachtet auf seiner Jagd nach Robben eine Gruppe von splitternackten, im Mondschein tanzenden weiblichen Wesen. Ihre Seehundefelle haben sie zuvor auf einem Felsen abgelegt, und da der Mann schon lange alleine lebt, versteckt er eine der Hüllen, um eine dieser Frauen an sich zu binden. Als sie zusammen mit den anderen wieder zurück ins Meer gleiten möchte, findet sie ihr Fell nicht mehr und muss bei ihm zurückbleiben. Er verspricht, ihr das Seehundefell nach sieben Sommern wiederzugeben, wenn sie bis dahin seine Frau bleibt.

Nach einiger Zeit bringt die Robbenfrau einen gemeinsamen Sohn zur Welt, den sie Ooruk nennen. Die Jahre vergehen und die Menschenhaut der Frau wird immer schuppiger und spröder und hängt schließlich in Fetzen an ihr herunter. Ihr weißes Fleisch wird hohl und grau, die Haare fallen aus und ihre einst ausdrucksstarken Augen spiegeln ihre Seele nicht mehr. Doch der Mann gibt ihr auch nach sieben Jahren das Fell nicht mehr zurück, weil er Angst hat, sie dann für immer zu verlieren.

Eines Tages findet die Seehundfrau ihr Fell unter einem Felsen, schlüpft hinein, packt ihr Kind und taucht in ihre alte Heimat – eine glitzernde Wasserstadt – ab. Obwohl dort ihre ursprüngliche Schönheit allmählich wieder zurückkehrt und sie glücklich ist, erkennt sie, dass ihr Sohn zurück in die Menschenwelt muss. Sie bringt Ooruk zurück an das Ufer und verspricht dem Kind, immer mit ihm verbunden zu bleiben.

Die Jahre ziehen ins Land und Ooruk wächst zu einem stattlichen und angesehenen Mann heran, den man manchmal dabei beobachten kann, wie er – auf einem Felsen kniend – Zwiesprache mit einer Seerobbe, die besonders weise, wilde, seelenvolle Augen hat und sich von niemandem trotz vieler Bemühungen fangen lässt, hält.

DIE TIEFERE BEDEUTUNG

Die Kernaussage dieses Märchens ist der Umstand, dass viele junge Frauen überhaupt nicht darauf vorbereitet sind, dass ihnen irgendwann ihre „Seelenhaut“ gestohlen werden könnte. Doch der Verlust ihrer seelischen und physischen Freiheiten, beispielsweise in einer einengenden oder unglücklichen Partnerschaft, die damit verbundenen Schwierigkeiten und der daraus resultierende Befreiungsschlag können einen starken (spirituellen) Entwicklungsschub in ihnen auslösen.

Er beginnt damit,

  • dass den Frauen bewusst wird, was in ihrem Leben oberste Priorität haben sollte.
  • Dann fassen sie den Entschluss, etwas Verlorenes (z. B. ihre Freiheit, ihre Stärke, ihre Intuition etc.) wiederzuerlangen.
  • Als Nächstes wird ihnen klar, dass sie zu ihrer eigenen Befreiung selbst etwas beitragen müssen.
  • Und letztendlich – wenn sie sich für den inneren oder äußeren Befreiungsschritt entschieden haben und ihn in die Tat umsetzen – durchlaufen sie einen gewaltigen inneren Transformationsprozess, der sie ihre bis dahin verborgenen Kräfte bzw. ihre medialen Fähigkeiten entfalten lässt.

WOMIT GEHST DU IN RESONANZ?

Lies meine Fragen durch und beobachte, welche Gefühle in dir hochkommen. Vielleicht magst du dazu auch deine Gedanken aufschreiben:

_ Hast du schon einmal erkennen müssen, dass du als junge Frau falsche Vorstellungen vom Leben hattest?

_ Hast du schon einmal durch Naivität, Unerfahrenheit oder Leichtgläubigkeit deine Freiheit, mehr oder weniger freiwillig, aufgegeben?

_ Warst/bist du in einer Situation, in der du meintest/meinst, innerlich oder äußerlich zu vertrocknen, weil du dir dein Robbenfell wegnehmen ließest/lässt?

_ Was war/wäre der Preis dafür gewesen, dein Robbenfell wieder zurückzubekommen?

_ Bist du aufgrund des Verlustes / der Aufgabe deiner Freiheit in einen tiefen inneren Prozess gekommen? Was hat er in dir ausgelöst? Was hat sich in dir bzw. für dich dadurch verändert?

_ Bist du bereit und in der Lage, dein Robbenfell zu verteidigen?

DER VERLUST DER SEELE ALS EINWEIHUNG

Nur wenn wir Frauen wirklich tief in unsere Seele hinabtauchen, können wir mit der uns innewohnenden Spiritualität wieder bewusst in Kontakt kommen. Denn es gibt zahllose Wege, die nach Hause führen, auch wenn sich die Öffnung, durch die man an einem Tag in die Tiefen geschlüpft ist, am nächsten Tag wieder als verschlossen erweist und man einen neuen Weg finden muss.

[1] Pinkola Estés, Clarissa. Die Wolfsfrau. Die Kraft der weiblichen Urinstinkte. München 1993. S. 318.

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DIE WOLFSFRAU: Du kannst ruhig aus der Reihe tanzen

Vielleicht kennst du eine Frau, die sich schon als kleines Mädchen den frauenfeindlichen Erziehungsmaßnahmen und Maßregelungen der Erwachsenen widersetzte. Vielleicht warst du sogar selbst ein „unangepasstes“ Mädchen.

  • Wie ist es dir dabei ergangen?
  • Wie siehst du rückblickend diese Phase deines Lebens?
  • Musstest du einen Preis für deine Unabhängigkeit oder deinen Ausbruch aus den gesellschaftlichen Strukturen bezahlen?

Das Märchen „Das Mädchen mit den roten Schuhen“, das Clarissa Pinkola-Estés in ihrem Weltbestseller „Die Wolfsfrau“ analysierte, stellt genau das Thema der angepassten Frau in den Mittelpunkt. Denn das Mädchen in der Erzählung bricht zwar aus seinem Käfig aus, übersieht jedoch, dass es seine weiblichen Urinstinkte auf die falsche Art und Weise auslebt und erfährt auf sehr schmerzhafte Art und Weise, dass es seine neu gewonnene Freiheit teuer bezahlen muss.

Die Erzählung

Ein armes Waisenmädchen, das seine Schuhe selber aus roten Lumpen nähte, wird von einer reichen Dame eingeladen, fortan bei ihr zu wohnen. Dort werden ihre roten Schuhe verbrannt und das Mädchen wird gebadet, gekämmt und wunderschön eingekleidet. Es muss jedoch ab sofort den ganzen Tag still sitzen, darf nicht herumhüpfen und nur dann sprechen, wenn es gefragt wird.

Seine Sehnsucht nach den roten Schuhen wird immer größer, und so kauft es heimlich und gegen den Willen der alten Frau ein neues Paar. Doch sobald es die Schuhe anzieht, beginnen diese mit dem Mädchen zu tanzen und tragen sie durch Wald und Flur und über Berg und Tal. Als es in den Kirchhof hinein tanzt, wird es von einem Geist verflucht: „Du sollst in den roten Schuhen tanzen, bis deine Haut in Fetzen von deinen müden Knochen hängt und nichts mehr von dir übrig bleibt.“

Und so geschieht es auch. Die Schuhe tanzen und tanzen immerzu mit dem Mädchen, ohne dass es etwas dagegen unternehmen kann. Da bittet das Mädchen einen Scharfrichter, ihm die Schuhe mitsamt den Füßen abzuhacken, damit es endlich zu tanzen aufhören kann. Das tut der Mann auch, doch das Mädchen muss sich nun für den Rest ihres Lebens als bedauernswerte Dienstmagd das Armenbrot verdienen.

Die tiefere Bedeutung

Mit den roten Schuhen hat die junge Frau etwas Wertvolles verloren, denn sie symbolisieren ihre Freiheit und Ungestümtheit. Mit dem heimlichen Kauf der neuen Schuhe meint das Mädchen zwar, diese wiederzuerlangen, doch es übersieht dabei, dass der Kauf keine echte Befreiung, sondern nur eine Kompensation seiner Abhängigkeit ist. Denn es wird durch die neuen Schuhe und dem Zwang zu tanzen überhaupt nicht glücklich. Erst durch die Qualen der Selbstverstümmelung kann das Mädchen diese Kompensation aufheben, doch der Preis dafür ist ein sehr hoher.

„Und die Moral von der Geschichte“

Ähnlich, wie dem Mädchen, das in einem goldenen Käfig lebt und alles hat, was es benötigt – ausgenommen seiner Freiheit – geht es vielen Frauen. Nämlich, wenn sie

  • in unglücklichen Beziehungen leben
  • mit anerzogenen Minderwertigkeitskomplexen durchs Leben gehen
  • Angst vor Strafe und Erniedrigung haben oder
  • voller Scham sind

Eines Tages sagt jedoch sagt vielleicht die „wilde“ Frauenseele, die sie in sich tragen: „Jetzt ist Schluss mit der Unterdrückung!“ Dann sollten sie darauf besonders achten, durch ihren Befreiungsakt keinen dauerhaften Schaden zu erleiden (wie das Mädchen mit den roten Schuhen, die ihm letztendlich abgehackt werden mussten). Also:

  • Nicht Hals über Kopf aus schwierigen Lebenssituationen ausbrechen, um sich in ein wildes neues Leben zu stürzen, in dem sie sich dann verloren oder überfordert fühlen
  • Zu Beginn eines neuen Lebens sehr aufmerksam sein, beobachten, überlegen, registrieren und unterscheiden lernen
  • Die bisher erworbene Menschenkenntnis noch weiter vertiefen
  • Eine gesunde Skepsis anderen Menschen gegenüber entwickeln
  • Zu Beginn eines neuen Lebensabschnitts nicht zu stolz sein, um den Rat und die Hilfe anderer Frauen anzunehmen
  • Sich mit Menschen umgeben, die ihre Rückkehr zu den weiblichen Urinstinkten unterstützen und ermöglichen.

Wir sollten ruhig immer wieder mal aus der Reihe tanzen, aber dabei genau beobachten, ob wir dies aus einem Fluchtgedanken heraus machen, oder ob wir dabei wohlüberlegt vorgehen und einen kühlen Kopf bewahren! Denn wenn wir leiden, sind wir häufig von unseren weiblichen Urinstinkten abgeschnitten und spüren die drohenden Gefahren draußen in der freien „Wildbahn“ nicht mehr.

Jede einschneidende Veränderung im Leben einer Frau sollte deshalb nicht aus einem Affekt heraus, sondern wohlüberlegt und zum richtigen Zeitpunkt vollzogen werden.

 

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DIE WOLFSFRAU: Bist du anders als die meisten anderen, dann stehe dazu!

Kennst du das Märchen vom hässlichen Entlein von Hans Christian Andersen? Ist dir bewusst, dass es „unter der Oberfläche“ sehr viel an weiblichem Urwissen und an weiblicher Weisheit enthält?

Der Autorin und Psychologin Clarissa Pinkola-Estés ist es einmal mehr gelungen, dieses Märchen in ihrem Weltbestseller „Die Wolfsfrau“ aufzubereiten und die verschlüsselten Botschaften, die darin enthalten sind, jederfrau (und jedermann) zugängig zu machen. Die  Geschichte enthält ja einige wichtige Kernbotschaften über die weibliche Seele, doch beginnen wir zuerst einmal mit der Kurzfassung der

Erzählung

Eine Entenmutter brütet ihre Eier aus, aus denen sechs wunderschöne gelbe Küken schlüpfen. Nur aus dem siebenten Ei schlüpft ein graues, hässliches Entlein. Es ist größer und tolpatschiger als seine Geschwister und wird wegen seines Andersseins von allen gemieden. Obwohl es die Entenmutter besonders zu schützen versucht, wird es auch körperlich angegriffen und wie ein Aussätziges behandelt. Sein Leben ist qualvoll.

Eines Tages bringt die Mutter keine Kraft mehr auf, um ihr Junges zu verteidigen, und so macht sich das Entlein auf den Weg in die Fremde. Dabei wird es wegen seines Aussehens verspottet und gemieden und sieht sich immer wieder Todesgefahren ausgesetzt.

So flieht das Entlein von einem Ort zum nächsten, bis es eines Tages einen wunderschönen See erreicht. In der Zwischenzeit hat es fliegen gelernt und landet unweit von drei großen Vögeln auf dem Wasser, auf dessen Oberfläche es sein eigenes Spiegelbild betrachten kann. Im ersten Augenblick erkennt es sich jedoch selbst nicht wieder, denn es gleicht nun jenen majestätischen Schwänen, die es nun umringen. Doch anstatt das „Entlein“ wegzubeißen putzen sie sein Gefieder und nehmen den jungen Schwan als Ihresgleichen in ihre Familie auf.

Die tiefere Bedeutung

Das Märchen enthält viele wichtige Schlüsselbotschaften, wie beispielsweise folgende:

Das hässliche Entlein wird im Märchen als Außenseiter betrachtet, bekämpft und schließlich aus der Gemeinschaft ausgestoßen. Es ist wehrlos seinem Umfeld ausgeliefert und verliert dadurch an Lebenskraft.

Mädchen mit stark ausgeprägten weiblichen Urinstinkten werden manchmal als „total verkehrte Kinder“ betrachtet und wegen ihres „Eigensinns“ bestraft oder zumindest strenger behandelt als andere. Ihre Neugierde, Phantasie sowie ihre Exzentrik sind den meisten Menschen unbequem, und so blockieren sie das Schöpferische im Kind. Den Mädchen wird beigebracht, dass ihr Anderssein schlecht oder gar unerwünscht ist. Mit der Zeit fühlen sich viele von ihnen als schwach, hässlich oder inakzeptabel, was sich belastend und nachhaltig auf ihr Selbstbild auswirkt.

Die Entenmutter erlebt wegen des hässlichen Entleins eine innere Zerreißprobe. Setzt sie sich für ihr Kind ein, leidet der Ruf der Familie, verstößt sie es, handelt sie gegen ihre Mutterinstinkte.

Mütter von unangepassten Mädchen versuchen häufig, ihnen ein „gesittetes“, gesellschaftlich angepasstes und akzeptables Benehmen einzubläuen. Selbst als erwachsene Frauen werden sie aufgrund ihrer unkonventionellen Lebensführung und ihres Widerstandes gegen die gesellschaftlichen Normen von der Gemeinschaft ausgegrenzt oder bestraft. Die Mutter im Märchen ist mit dieser Situation völlig überfordert und scheut die Auseinandersetzung mit den anderen, verzichtet dabei aber auf die Artikulierung ihrer eigenen Gedanken und auf Meinungsäußerung.

Die Entenmutter wird aufgrund ihres fremdartigen Kindes von der Gemeinschaft angegriffen, bis sie selbst unter der Belastung zusammenbricht. Das Entlein verliert dadurch seinen einzigen Verbündeten im Leben.

Viele Mütter von „wilden“ und selbstbestimmten Mädchen fühlen sich ambivalent, weil sie ihre Rolle als „Bemutternde“ nicht länger aufrecht erhalten können. Deshalb folgen sie häufig dem Gefühl des geringsten Widerstandes, was im Kind einen seelischen Knacks hervorrufen kann. Die Entenmutter im Märchen ist selber zerbrechlich, naiv und in vielerlei Hinsicht noch ein Kind. Wahrscheinlich wurde sie als junges Mädchen von ihrer eigenen Mutter zu wenig bemuttert und kann deshalb diese fehlende positive Erfahrung nicht an ihre Tochter weitergeben. Das Selbstwertgefühl einer gebrochenen Mutter ist nicht intakt, und sie droht bei Herausforderungen immer wieder zusammenzubrechen. Im schlimmsten Fall fühlt sich das Mädchen für das Leiden seiner Mutter schuldig.

Das hässliche Entlein sucht lange unter Seinesgleichen, bis es sie endlich findet, von ihnen angenommen und wertgeschätzt wird.

Es besteht die Gefahr, dass unangepasste, wilde Frauen immer wieder an den falschen Türen klopfen und sich um Freunde in nicht passenden Kreisen bemühen, in denen sie wiederum als Außenseiter behandelt werden. Es lohnt sich nicht, emotionale Misshandlungen zu ertragen, um ein paar dubiose Liebesbeweise zu erhalten. Nur eine ehrliche Selbstanalyse und das Aufarbeitung des Erlebten kann zu echter Heilung führen und die Türe zu Ihresgleichen öffnen.

Womit gehst du in Resonanz?

Lies meine Fragen durch und beobachte, welche Gefühle in dir hochkommen? Vielleicht magst du dazu auch deine Gedanken aufschreiben:

_ Hast du dich als kleines Mädchen anders als die meisten anderen empfunden?

_ Hat man dir vermittelt, dass du dich deinem Umfeld anpassen musst?

_ Warst du in einer Außenseiterrolle?

_ Wie sehr hat dich deine Mutter verstanden/beschützt/verteidigt?

_ Wie war deine Mutter als kleines Mädchen?

_ Hast du deinesgleichen gefunden?

_ Bist du lieber alleine oder in Gesellschaft?

_ Passt du dich manchmal zu sehr an?

_ Würdest du dich als hochsensitiv oder hochsensibel bezeichnen?

_ Was möchtest du deiner Tochter/Enkeltochter auf ihrem Weg durch das Leben mitgeben?

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Manchmal „braucht“ es einen lauten Weckruf

„Viele Menschen fühlen sich instinktiv und magisch vom falschen Partner angezogen. Sie suchen Ergänzung – aber meist finden sie eine Ergänzung des Mangels, in der sich die Mängel potenzieren. Zwei Einbeinige kommen zusammen ja nicht schneller voran. Deshalb gehen so viele Beziehungen schief. Unrealistische Partner-Bilder kursieren zuhauf in einer Gesellschaft, die schneller urteilt, als sie denken kann, … die Gefühle mit Sentimentalität und Wirklichkeit mit Fiktion verwechselt.“[1]

Uns Frauen hat die Natur mit der großen Gabe der intuitiven Vorahnung ausgestattet, doch die schlummert sehr oft nur vor sich hin. Das „feminine Wahrnehmungsteleskop“, wie Clarissa Pinkola-Estés es nennt, ist nicht ganz präzise ausgerichtet und die Schärfenadjustierung noch nicht auf Weitsicht eingestellt. Deshalb nehmen wir das Verborgene und Hintergründige in einem potenziellen Partner anfangs oft nur sehr verschwommen wahr. Und drücken diese innere Stimme weg, die mit unseren weiblichen Urinstinkten verbunden ist und uns vor möglichen Beziehungsfallen warnt.

Doch manchmal „braucht“ es einen lauten Weckruf, und der fällt nicht immer angenehm aus. Nämlich dann nicht, wenn wir beispielsweise nach jahrelangem unscharfen Hinschauen unsanft wachgerüttelt und gezwungen werden, ganz genau zu erkennen, an wessen Seite wir unser Leben eingerichtet haben. Manchmal ist diese Erkenntnis mit sehr viel Schmerz und Federn-Lassen verbunden und manchmal kommen wir noch mit dem Schrecken davon.

Deshalb ist es wichtig, dass wir Frauen die in uns angelegte Urnatur mit aller Kraft wiederbeleben, und zwar möglichst schon VOR einem schmerzhaften Weckruf. Egal, wie sehr wir in unseren Kulturen oder Familien daran gehindert wurden, unsere weibliche Urnatur zu leben: Eine Frau, die den tiefen Kontakt zu ihrer weiblichen Seele vorübergehend verloren hat, kann ihn jederzeit wieder aktivieren. Letztendlich geht es um die Entwicklung unseres spirituellen und persönlichen Bewusstseins. Denn diese innere Kraft unterstützt uns immer wieder, uns aus den tiefsten Tiefen unseres Lebens emporzuheben um den Gipfel des Glücks und der Zufriedenheit zu ersteigen.

[1] Zitat aus dem Buch „Der letzte Scheißkerl“ von Roman Maria Koidl

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