Unter den Szenen, die Maria Magdalena zugeschrieben werden, ragen die Salbungen besonders hervor. Sie ziehen sich wie ein roter Faden durch die Evangelien – Gesten der Liebe, der Würde und der Vorbereitung auf den Tod. Und sie haben eines gemeinsam: Im jüdischen Kontext waren solche Handlungen mit der Rolle der Ehefrau verbunden.

Die Salbung im Haus des Pharisäers (Lk 7,36–50)

Lukas berichtet von einer Frau, die das Haus eines Pharisäers betritt, sich zu Jesu Füßen niederlässt und sie mit Öl und Tränen salbt. Sie trocknet sie mit ihrem Haar und küsst sie.

Spätere Überlieferungen sahen in dieser Frau Maria Magdalena. Ob diese Gleichsetzung zutrifft oder nicht – die Geste selbst spricht eine deutliche Sprache: Eine Frau berührt, salbt und küsst Jesus in einem Akt von tiefer Zuneigung.

Im jüdischen Umfeld wäre solch eine Nähe keine beiläufige Handlung gewesen. Eine fremde Frau hätte kaum die Freiheit gehabt, einem Mann in dieser Weise zu begegnen. Was hier geschildert wird, erinnert an die Intimität einer Ehefrau, die durch Salbung, Berührung und Zärtlichkeit ihre Verbundenheit zeigt.

Die Salbung in Bethanien (Mk 14,3–9; Mt 26,6–13; Joh 12,1–8)

Kurz vor dem Passah-Fest wird Jesus in Bethanien erneut gesalbt. Markus und Matthäus erzählen, dass eine Frau sein Haupt mit kostbarem Nardenöl übergoss. Johannes präzisiert, es sei Maria Magdalena, die Schwester des Lazarus, gewesen, die seine Füße salbte und mit ihrem Haar trocknete.

Die Jünger waren empört über die Verschwendung. Doch Jesus stellte sich auf die Seite der Frau und erklärte:

„Sie hat meinen Leib im Voraus zum Begräbnis gesalbt.“ (Mk 14,8).

Diese Szene trägt eine doppelte Bedeutung: Zum einen zeigt sie Intimität – Öl, Haut und Haar verbinden sich in einem Akt persönlicher Nähe. Zum anderen erhält sie durch Jesu Deutung einen prophetischen Charakter: Die Salbung wird zur Vorwegnahme seines Begräbnisses.

Gerade hier wird die Verbindung zu den ehelichen Pflichten sichtbar: In der jüdischen Tradition war es die Ehefrau, die den Körper ihres Mannes für die Bestattung vorbereitete. Damit wird deutlich, dass Maria nicht nur in Liebe, sondern auch in der rituellen Verantwortung an Jesu Seite stand.

Die geplante Salbung am Grab (Mk 16,1; Lk 24,1)

Nach Jesu Tod berichten die Evangelien, dass die Frauen Salben kauften, um seinen Leib zu salben. Doch dazu kam es nicht mehr – das Grab war bereits leer.

Auch dieser letzte Dienst gehörte nach jüdischem Verständnis in erster Linie zur Aufgabe der Ehefrau. Dass Maria Magdalena bei den Frauen genannt wird, die diesen Dienst auf sich nahmen, unterstreicht ihre besondere Rolle: Sie wollte Jesu Leib ehren, wie es einer Ehefrau zukam – treu bis in den Tod.

Der Kuss im Philippus-Evangelium

Das Evangelium nach Philippus fügt ein weiteres, unverkennbares Detail einer ehelichen Verbindung hinzu:

„Und die Gefährtin des Erlösers ist Maria Magdalena. Er liebte sie mehr als alle Jünger und er küsste sie oft auf [ihren] Mund.“

Die Empörung der Jünger zeigt, dass ihre Nähe außergewöhnlich war. Salbung und Kuss gehören hier in denselben Bedeutungsraum: Ausdruck von Liebe, Zugehörigkeit und einer ehelichen Verbindung, die für alle sichtbar war.

Fazit – Die Sprache der Ehe

Ob in der Zärtlichkeit der ersten Salbung, in der prophetischen Handlung in Bethanien oder in der geplanten Totenpflege: Immer begegnet uns Maria Magdalena in Gesten, die nach jüdischem Verständnis der Ehefrau vorbehalten waren.

So zeichnen die Evangelien und die gnostischen Texte ein Bild, das über die kirchliche Deutung hinausweist. Maria Magdalena war nicht nur eine Jüngerin – sie war die Frau Jesu. Ihre Salbungen und ihre Nähe sind die Sprache der Ehe: sichtbar in Liebe, in Fürsorge und in einer Treue, die bis über den Tod hinausreichte.

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Literatur und Quellen

  • Evangelien des Neuen Testaments.
    • Lukas 7,36–50 – Die Salbung durch die „Sünderin“.
    • Markus 14,3–9; Matthäus 26,6–13 – Die Salbung in Bethanien.
    • Johannes 12,1–8 – Maria von Bethanien salbt Jesu Füße.
    • Markus 16,1; Lukas 24,1 – Die geplante Salbung am Grab.
  • Evangelium nach Philippus. Nag-Hammadi-Schriften, 3. Jh. – Maria Magdalena als „Gefährtin“ Jesu; Passage vom Kuss.
  • Evangelium der Maria. Übersetzt und kommentiert von Karen L. King, The Gospel of Mary of Magdala (2003).
  • Jane Schaberg. The Resurrection of Mary Magdalene (2002). – Analyse der Salbungsszenen und ihrer Bedeutung für Maria Magdalenas Rolle.
  • Jean-Yves Leloup. Das Evangelium der Maria Magdalena (1997). – Spirituelle Deutung der Gesten und ihrer Symbolik.
  • Geza Vermes. Jesus the Jew (1973). – Historischer Kontext zu jüdischen Ritualen, Ehe- und Begräbnissitten.

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