Maria Magdalena gehört zu den faszinierendsten Frauen der christlichen Überlieferung. Sie wird in den Evangelien als enge Weggefährtin Jesu beschrieben, als Zeugin seiner Kreuzigung und erste Zeugin seiner Auferstehung. Dennoch wurde sie über viele Jahrhunderte hinweg in der kirchlichen Tradition auf eine einzige Rolle reduziert: die der reuigen Sünderin. Für manche galt sie gar als ehemalige Prostituierte. Dieses Bild hat sich tief in das kollektive christliche Gedächtnis eingebrannt und wird bis heute oft unreflektiert weitergegeben.
Doch bei näherer Betrachtung zeigt sich: Dieses Bild basiert nicht auf den biblischen Quellen, sondern auf einer bewussten kirchlichen Entscheidung. Es war keine Verwechslung, sondern ein strategisches Konstrukt. Und es hatte weitreichende Folgen – nicht nur für das Bild Maria Magdalenas, sondern für das Verständnis weiblicher Spiritualität insgesamt.
Der Wendepunkt: Eine Predigt mit weitreichenden Folgen
Der entscheidende Wendepunkt für die Wahrnehmung Maria Magdalenas liegt im 6. Jahrhundert. Im Jahr 591 hielt Papst Gregor der Große eine Osterpredigt, die kirchengeschichtlich weit über eine theologische Auslegung hinausging. In dieser Predigt erklärte er, dass drei Frauenfiguren der Bibel – die anonyme Sünderin aus Lukas 7, Maria von Bethanien und Maria Magdalena – ein und dieselbe Person seien.
Diese Interpretation war in den neutestamentlichen Texten weder belegt noch ist sie naheliegend. Denn die Evangelien behandeln diese drei Frauen als eigenständige Personen. Doch mit der Macht des päpstlichen Wortes setzte sich Gregors Auslegung durch – und wurde zum dominanten Narrativ der folgenden Jahrhunderte.
Aus der standhaften Zeugin wurde so die reuige Hure. Aus einer spirituellen Führungsfrau wurde eine moralisch Gescheiterte. Ihre enge Verbindung zu Jesus wurde nicht mehr als Ausdruck spiritueller Nähe verstanden, sondern als dramatische Lebenswende von Schuld zu Gnade. Die Botschaft lautete: Wer sich Jesus zuwendet, kann auch aus tiefster Sünde gerettet werden. Doch diese Umdeutung hatte weitreichende Folgen: Sie verdrängte das wahre Bild von Maria Magdalena und ließ ihre innere Stärke und spirituelle Bedeutung in Vergessenheit geraten.
Eine Frau mit spiritueller Macht – das war unbequem
Warum aber wurde ausgerechnet Maria Magdalena zur Projektionsfläche für Schuld, Reue und moralische Umkehr? Warum diese gezielte Umdeutung?
Die Antwort liegt im kirchenpolitischen und gesellschaftlichen Kontext des frühen Mittelalters. Die römische Kirche formierte sich in dieser Zeit zunehmend hierarchisch und patriarchal. Männer standen an der Spitze, Frauen wurden auf dienende Rollen reduziert. Eine Frau, die Jesus nicht nur begleitete, sondern in entscheidenden Momenten präsent war – am Kreuz, am Grab, bei der Auferstehung – war für dieses System eine Provokation.
Maria Magdalena hatte innerhalb der frühen Jesusbewegung eine bedeutende Rolle inne. Viele außerkanonische Texte – darunter das Thomasevangelium und das Evangelium der Maria – deuten darauf hin, dass sie als Trägerin spiritueller Erkenntnis galt. Manche frühe Gemeinden verehrten sie als Verkünderin einer eigenen Lehre, andere sahen sie gar als „Apostelin der Apostel“. Eine solche Frau war für die römische Amtskirche nicht tragbar.
Durch die Reduktion auf eine reuige Sünderin konnte ihre spirituelle Autorität neutralisiert werden. Aus der Lehrenden wurde eine Empfangende, aus der Führenden eine Umkehrende. Es war eine geschickte Verschiebung und eine klare Machtdemonstration.
Der lange Schatten dieser Entscheidung
Die Auswirkungen dieser päpstlichen Interpretation reichten weit über das Mittelalter hinaus. Sie prägten das Bild der Frau im Christentum tiefgreifend: Frauen galten fortan nicht als eigenständige (spirituelle) Wesen, sondern als solche, die nur durch Reue, Buße und Unterordnung Zugang zum Göttlichen finden konnten.
Maria Magdalena wurde zum Archetyp der „gefallenen Frau“, die durch Reue wieder aufgenommen wird – ein Bild, das in Predigten, Kunst und Literatur unzählige Male reproduziert wurde. Die Folge war eine systematische Entmachtung weiblicher Spiritualität. Frauen, die spirituell eigenständig waren, gerieten schnell unter Verdacht – als Ketzerinnen, Hexen oder Verführerinnen.
Erst in der Neuzeit setzte ein langsames Umdenken ein. Durch die historisch-kritische Bibelforschung, archäologische Funde und feministische Theologie wurde deutlich: Die Gleichsetzung Maria Magdalenas mit der Sünderin aus Lukas 7 ist theologisch unhaltbar. Es war eine Konstruktion – wirkungsvoll, aber unwahr.
Ein neues Bild darf entstehen
Heute stehen wir an einem Punkt, an dem dieses verzerrte Bild korrigiert werden kann – und muss. Die Rücknahme dieser Fehlzuschreibung ist nicht nur eine historische Notwendigkeit, sondern ein Akt der spirituellen Gerechtigkeit.
Maria Magdalena war keine Hure.
Sie war keine anonyme Sünderin.
Sie war eine Frau mit innerer Autorität, mit Klarheit, mit spiritueller Tiefe.
Sie war Zeugin, Vertraute, Lehrerin – jemand, der verstanden hatte, was Jesus wirklich verkörperte: die Verbindung zwischen Mensch und göttlichem Bewusstsein.
Indem wir beginnen, ihr ursprüngliches Bild wieder freizulegen, ehren wir nicht nur Maria Magdalena. Wir öffnen auch den Raum für eine neue Wertschätzung weiblicher Spiritualität – jenseits von Schuld, Scham und Reue. Ein neues Bild darf entstehen. Und es ist längst überfällig.
Wenn du dieses Thema vertiefen und in deinem Alltag umsetzen möchtest, findest du in meinem Buch „21 Wege, die deine Beziehungen stärken & heilen“ wertvolle Impulse, Rituale und Visualisierungsreisen. Über einen QR-Code kannst du dir die passenden Audio-Versionen kostenlos anhören. Für eine wertvolle energetische und spirituelle Begleitung deiner Partnerschaft, Freundschaft und Beziehung zu dir selbst!

Das solltest du sonst noch wissen
Warum wurde Maria Magdalena mit der Sünderin gleichgesetzt?
Weil Papst Gregor der Große im Jahr 591 in einer Predigt drei biblische Frauen – Maria Magdalena, Maria von Bethanien und die Sünderin aus Lukas 7 – fälschlich zu einer einzigen Person erklärte. Diese Auslegung war nicht durch die Evangelien belegt, sondern diente der kirchlichen Strategie, weibliche spirituelle Autorität zu kontrollieren.
Gibt es Beweise dafür, dass Maria Magdalena keine Sünderin war?
Ja. Weder im Lukasevangelium noch in anderen neutestamentlichen Texten wird Maria Magdalena als Sünderin oder Prostituierte bezeichnet. Im Gegenteil: Sie wird als Unterstützerin Jesu, Zeugin der Kreuzigung und erste Zeugin der Auferstehung beschrieben – eine Rolle, die spirituelle Nähe und Vertrauen voraussetzt, nicht moralischen Makel.
Welche Folgen hatte die „Sünderin“-Deutung für das Frauenbild in der Kirche?
Die Gleichsetzung von Maria Magdalena mit der reuigen Sünderin verankerte ein kirchliches Frauenbild, das Buße, Reue und Unterordnung ins Zentrum stellte. Weibliche Spiritualität wurde dadurch jahrhundertelang in ein passives, moralisch defizitäres Licht gerückt – mit tiefgreifenden Auswirkungen auf die Rolle von Frauen im kirchlichen und gesellschaftlichen Kontext.
Quellenangaben
- Jacobus de Voragine: Legenda Aurea, 13. Jahrhundert
- Evangelien des Neuen Testaments (insbesondere Lukas 7, Markus 15–16, Johannes 20)
- Origenes: Commentarius in Matthaeum, Patrologia Graeca Bd. 13
- Hieronymus: Liber de nominibus Hebraicis, Patrologia Latina 23
- Joan E. Taylor (2014): „Missing Magdala and the Name of Mary ‘Magdalene’“, Palestine Exploration Quarterly
- Elizabeth Schrader & Joan Taylor (2021): „The Meaning of ‘Magdalene’: A Review of Literary Evidence“, Journal of Biblical Literature
- Grabungsberichte zu Taricheae / Magdala (2007–2009)
- National Catholic Reporter (2022): Bericht zur historischen Deutung von „Magdalene“ als Ehrentitel
Ingrid Auer ist international anerkannte spirituelle Lehrerin, Bestseller-Autorin und Channel-Medium, die seit den 1990er Jahren als eine Pionierin auf dem Gebiet der spirituellen Heilung arbeitet. Sie bietet Seminare und Workshops zu Themen wie Engel, Aufgestiegene Meister, Lemurische Göttinnen und spirituelle Heilarbeit an. Ingrid Auer ist bekannt für ihre tiefgründigen Einsichten in spirituelle Zusammenhänge und ihre Arbeit zur Unterstützung des individuellen und kollektiven Bewusstseinswandels.
https://www.ingridauer.com/
https://www.ingridauer.com/spirituelle-heilarbeit/
https://www.ingridauer.com/engelheilung/
https://community.ingridauer.com/
https://store.ingridauer.com/
https://www.youtube.com/@IngridAuer
https://www.linkedin.com/in/spiritualmedicine/